Obdachloser

„5 Löffel Zucker, bitte.“

Vergangenen Mittwochabend half ich gemeinsam mit Mitarbeitenden der Kerberos GmbH dem Team des Kölner Kältebus, am Kölner Hauptbahnhof Essen an Obdachlose auszugeben.

Essenausgabe für Obdachlose

Ich übernahm die Kaffee- und Tee-Ausgabe. Maske auf, Gummi-Handschuhe an und los ging‘s. Um es vorweg zu nehmen: meine zwei Stunden Einsatz gingen wie im Flug vorbei. Es war viel los.

Als mich der erste Gast bat, fünf Löffel Zucker in seinen kleinen Becher Kaffee zu tun, war ich noch geschockt! 5 LÖFFEL ZUCKER!!! Ich meine, das muss doch ekelig süß sein! Als Personal Trainerin bin ich bei meinen Kundinnen und Kunden stets auf ihre Gesundheit bedacht. Zu viel Zucker ist nicht gut für die Zähne, fördert Übergewicht und Diabetes.

Eine Frage der Perspektive

Aber den Menschen, die ich an diesem Abend bediente, sind Zahngesundheit und sonstige Zivilisationskrankheiten so ziemlich egal. Sie haben ganz andere Prioritäten, andere Sorgen. Sie leben nicht wie wir in Überfluss und kommen gar nicht in die Verlegenheit, sich über zu viele Kalorien Gedanken zu machen! Im Gegenteil! Für sie zählt: Zucker gibt ihnen Energie und wärmt ihre Seelen. Fünf Löffel Zucker in einem kleinen Kaffee waren an diesem Abend also keine Seltenheit, sondern eher die Norm.

Kaffee für Obdachlose

Obdachlose sind schmuddelig, stimmt’s?

Noch etwas ist mir aufgefallen: „Obdachlose sind schmuddelig und riechen streng“ – das ist doch das Bild, das wohl die meisten von Obdachlosen in der Regel haben. Ich nehme mich davon nicht aus. Daher war ich durchaus überrascht, dass der Großteil von denen, die am Mittwochabend zur Essens- und Kleiderausgabe kamen, ordentlich, sauber gekleidet, gewaschen, gut über Politik und Alltagsthemen informiert, zurückhaltend und höflich waren – dankbar für ein Lächeln und ein wenig Aufmerksamkeit! Man sieht es einem Menschen also nicht unbedingt an, dass er obdachlos ist!

Gefragt waren am Mittwochabend neben warmem Essen und Kaffee mit VIEL Zucker auch warme Kleidung und Isomatten, denn bereits an diesem Abend wurde es mit fortschreitender Stunde ganz schön kalt. 

Blick gerade gerückt

Ich bin nach zwei Stunden wieder nach Hause gefahren, in meine warme Wohnung mit einem gefüllten Kühlschrank, konnte eine warme Dusche nehmen und in mein weiches, sauberes Bett gehen. Wie viele habe ich an dem Abend gesehen, die kein Zuhause mehr haben … 

Diese zwei Stunden haben meinen Blick aufs Leben und unsere unterschiedlichen Bedürfnisse wieder einmal gerade gerückt. Wir leben in solch einem Wohlstand und merken es nicht! Wir leben in Überfluss, zählen Kalorien wo andere froh sind, wenn sie überhaupt welche bekommen. Wir sehen unser Leben als selbstverständlich an und meinen, wir hätten alles im Griff – das glaubten die Menschen, denen ich am Mittwochabend begegnet bin, auch einmal. 

Wenn Sie das nächste Mal einen Kaffee trinken, genießen Sie ihn – um sich in einen Perspektivwechsel zu bringen – doch zur Abwechslung mal mit ganz viel Zucker. 😉

schlafende Obdachlose

So können auch Sie Obdachlosen helfen

Der Kölner Kältebus versorgt die Bewohnerinnen und Bewohner der Straßen Kölns mit warmem Essen und Getränken, Kleidung, Hygieneartikeln, Isomatten usw. und fährt bei Minusgraden mit einem Bereitschaftsdienst durch Köln. 

Die Betreiber des Kölner Kältebus brauchen Unterstützung – in Form von Geldspenden, Sachspenden, Helferinnen und Helfern. Sie wollen auch helfen? Dann wenden Sie sich bitte direkt an den Verein Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner e.V.

Fotos: Canva Pro

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top